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Nicht auf Augenhöhe: In den Sportvereinen fehlen die Migrantinnen

"Komm-Prinzip" funktioniert nicht Frauen und Männer bewegen sich gemeinsam. Sie schwitzen, sind vielleicht leicht bekleidet. Formulare sind auszufüllen, auf den Festen fließt Bier. Vereinssport ist für erwachsene Migrantinnen nicht unbedingt attraktiv. Dafür muss sich noch vieles ändern.

Bensheim. Shafia windet sich, sie weiß nicht, wohin sie sich drehen soll. Die anderen Frauen um sie herum springen durch die altmodische Turnhalle, spielen sich rote Luftballons zu. Shafia aber löst sich aus der jauchzenden Truppe, will weg. »Ja, Spaß!«, sagt die 64-jährige Pakistanerin später und nickt heftig. Zumindest sonst geht sie gern zur Gymnastik. Aber heute ist ein Mann da, noch dazu ein Fotograf. Denn dieser Kurs der SSG Bensheim ist nur für Frauen. Für Frauen aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Das ist eine Seltenheit.

1950 kamen die ersten Einwanderinnen in die Bundesrepublik. Zum Vereinssport gehen Migrantinnen hierzulande aber noch heute kaum. 65 Jahre später ist das nicht nur für die Frauen ein Problem – sondern auch für die Vereine.

»Wir sind offen für alle, damit sind wir die Guten.« Diese Selbstsicht herrscht im Sport, sagt Volker Rehm vom Landessportbund Hessen. »Das heißt aber oft: Kommt zu unseren Angeboten, wie sie sind – also wenig integrativ.« Extra Kurse nur für Frauen – das, sagen viele Vereine, können sie nicht leisten. Rehm versucht, sie davon zu überzeugen, dass es sich doch lohnt. Dafür fährt er für das bundesweite Programm »Integration durch Sport« (IdS) zu hessischen Clubs, in einem Kleintransporter mit der Aufschrift »Sport spricht alle Sprachen«. Rehm will, dass die Vereine Althergebrachtes aufbrechen. Denn das »Komm-Prinzip« hat bei einer wichtigen Zielgruppe nicht funktioniert: den erwachsenen Migrantinnen.

»Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund sind in Sportvereinen deutlich unterrepräsentiert«, sagt der Sportsoziologe Professor Sebastian Braun von der Berliner Humboldt-Universität. Das heißt, sie haben seltener die Chance, in den Vereinen ihre Freizeit zu gestalten, Freunde zu finden, die Sprache zu lernen – und ihre Gesundheit zu fördern.

Seit 1950 wandern etwa Aussiedler und Spätaussiedler ein. 1955 schließt das Land das erste Anwerbeabkommen mit Italien. Jene Einwanderinnen, die geblieben sind, leben wie ihre Töchter und Enkelinnen noch heute hier. Sie gehören zu den rund 8,3 Millionen Frauen mit Migrationshintergrund im Land. Für sie geht es um Teilhabe. »In Deutschland läuft viel über die Vereine, und für Migranten bedeuten sie den Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft«, sagt Murat Dogan, der bei Türkiyemspor in Berlin den Frauenfußball leitet.

Im organisierten Sport versammeln sich im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) derzeit 27,8 Millionen Mitglieder in 91 000 Vereinen. Eine enorme Zahl – aber Migrantinnen sind nur wenige darunter. Am schwersten haben es Frauen, die selbst eingewandert sind, dazu wenig Geld und eine geringe Schulbildung haben. Verlässliche, bundesweit repräsentative Zahlen gibt es jedoch nicht. Vereine fragen in ihren Aufnahmeformularen meist nicht nach Einwanderung. Klar ist nur: Die erwachsenen Migrantinnen fehlen oft im Bild des Vereinssports.

»Kein Foto!«, sagt Shafia, die eigentlich anders heißt, vor 27 Jahren nach Deutschland kam und kaum ein Wort Deutsch spricht. Sie kann nicht wortgewaltig eintreten für sich. Schließlich wartet sie lieber in der Umkleide, bis der Fotograf gegangen ist. Zumindest aber ist Shafia gekommen. Denn für Migrantinnen gibt es viele Hürden. Die einen wissen vom Vereinsangebot erst gar nichts. Andere wollen oder können es so, wie es ist, nicht annehmen. »Die Vereine sind nicht auf Augenhöhe mit den Frauen aus anderen Kulturen – auch was das Zeigen des Körpers betrifft«, sagt Rehm.

Genau das ist der Vorwurf von S. Maliki. Die Forschungsmitarbeiterin der Frankfurter Fachhochschule ist in Afghanistan geboren und vor 15 Jahren nach Deutschland gekommen. »Wenn einem jahrelang gesagt worden ist, dass man nur schwimmen darf ohne Männer, kann man nicht einfach anders denken, nur weil die Gesellschaft hier etwas anderes verlangt«, beschreibt die 31-Jährige. »Sogar für eine Person wie mich, die früher das Kopftuch getragen und es jetzt abgelegt hat, ist das schwierig.« Doch Maliki will unbedingt schwimmen – wie viele andere Frauen mit Migrationshintergrund. Nur eben ohne Männer.

Doch es geht bei Frauen, die nicht zum regulären Betrieb gehen, nicht immer und nicht nur um einen männerfreien Raum. Neben Kindern, Arbeit, Haushalt und Familie bleibt oft nur wenig Zeit. Sport hat zudem für viele nicht dieselbe Bedeutung wie für Frauen aus westlichen Ländern – als Gesundheitsfaktor. Und in der arabischen Welt etwa gibt es eine Vereinsstruktur wie in Deutschland nicht. Bei manchen wecke allein der Mitgliedsantrag den Eindruck, sich vertraglich zu binden, sagt Heike Kübler vom DOSB-Ressort für Chancengleichheit und Diversity.

Den Sportvereinen aber krankte es am Gleichen wie anderen Akteuren der Gesellschaft: am Gespür für das Zusammenwachsen. Zwar gibt es seit mehr als 25 Jahren eine Förderung von Migranten, die jetzt »Integration durch Sport« heißt, finanziert vom Innenministerium, gesteuert vom DOSB. »Aber dass es das Programm seit so vielen Jahren gibt, heißt nicht, dass wir auch so lange schon so denken«, gibt LSB-Referent Rehm zu. Shafia trägt Kopftuch – im Kurs aber, ganz unter Frauen, legt sie es ab. Damit sie nicht allzu sehr schwitzt.

Das ist im Alltag dieser Gruppe gar kein Thema. Das ist nicht überall so, wie Murat Dogan von Türkiyemspor Berlin berichtet. »Bedeckte Frauen passen nicht zum Bild der Mehrheitsgesellschaft«, sagt er. »Da heißt es dann in Vereinen oft: Für euch gibt es doch extra Vereine.« Andere Vereine seien offen – hätten aber selbst keinen Zugang zur Community. »Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie man mit Migranten reden könnte«, meint Dogan. »Die Mehrheitsgesellschaft hat lange kein Interesse gezeigt. 40 Jahre ist nicht viel passiert.«

Das ist für die Vereine selbst ein wunder Punkt. Der DOSB versucht, da gegenzusteuern. Erstmals gibt es seit 2013 ein Forschungsprojekt, das sich der Generation 60 plus widmet, »ZuG« für »Zugewandert und Geblieben«. »Wir haben das Ziel der sozialen Integration«, erklärt Initiatorin Verena Zschippang. »Zugleich muss man auch sehen: Unsere Gesellschaft wird älter, wir werden weiblicher und wir werden bunter. Und unsere Vereine müssen darauf vorbereitet werden, dass wir auf eine ältere Generation stärker Bezug nehmen müssen.«

Für den organisierten Sport in Dörfern und Städten geht es – angesichts des demografischen Wandels – ums Überleben. Inzwischen werden über IdS Übungsleiterinnen mit Migrationshintergrund ausgebildet. Ein Vorgänger-Projekt von ZuG kombinierte Sport und Sprachkurse. Aber wie so oft bei Projekten: die Förderung hört auf. Dann enden neue Angebote wieder. Ids-Koordinator Rehm vergleicht die Vereine in Deutschland mit einem trägen Tanker. »Den umzudrehen, ist schwierig.« Aber seine Botschaft an die Clubs ist: Wenn ihr euch halten wollt, müsst ihr euch damit beschäftigen.

Die Gründe für Vereine, den Migrantinnen entgegenzukommen, sind dabei so unterschiedlich wie die einzelnen Strukturen. »Für den Trampolin-Verein in der Kleinstadt ist Integration eine Chance, sich weiter zu entwickeln – und für den Boxclub im Frankfurter Gallusviertel ist Integration Normalität. Es kommt darauf an, in welcher Umgebung der Verein lebt«, sagt Rehm. Rehm berät die Vereine – und kann sogar ein bisschen Geld bieten. zehn Euro pro Stunde für die Übungsleiter gibt der LBS zur Anschubfinanzierung in den ersten drei bis fünf Jahren. Dieses Geld bekommt zum Beispiel Doro Sachinian, die in Bensheim die Gymnastik betreut. Mit Menschen wie ihr funktioniert es nämlich doch. In der Halle in Bensheim geht die Tür auf, die Integrationsbeauftragte des SSG jubelt. »Catherin, Du kommst aber nicht zum Sport, oder?«, ruft sie der Frau entgegen, die in die Umkleide tritt und ihr die Hände entgegenstreckt. Sie fallen einander in die Arme, vor Freude hüpfen sie auf und ab. »Doch, ich will Sport machen!« Shafia ist übrigens längst wieder in die Halle zurückgesprungen – zu den anderen. Sophie Rohrmeier, dpa

(Die Namen einiger Frauen aus der Sportgruppe wurden von der Redaktion auf Wunsch der betroffenen Personen geändert oder abgekürzt.)

Experten: Sport muss sich mehr für Migrantinnen öffnen

Nach Einschätzung von Experten öffnen sich Vereine in Deutschland zu wenig für Migrantinnen. »Die Vereine sind nicht auf Augenhöhe mit den Frauen aus anderen Kulturen«, sagt Volker Rehm vom Landessportbund Hessen. Im Sport herrsche häufig die Fehleinschätzung, offen für alle zu sein. »Das heißt aber oft: Kommt zu unseren Angeboten, wie sie sind – also wenig integrativ«, kritisierte Rehm.

Für das bundesweite Programm »Integration durch Sport« (IdS) versucht Rehm Vereine davon zu überzeugen, extra Kurse nur für Frauen zu schaffen. Denn das »Komm-Prinzip« habe bei den Migrantinnen nicht funktioniert.

Im organisierten Sport versammeln sich im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) derzeit 27,8 Millionen Mitglieder in 91 000 Vereinen. Migrantinnen sind laut Experten aber wenige darunter.
dpa

 

Quelle: Öffnet externen Link in neuem Fensterhttp://www.main-netz.de/nachrichten/regionalenachrichten/hessenr/art11995,3414348

 

 

 

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